Spielsuchtberatung prĂ€sentiert sich bei der FuĂball-WM
So viel Freude, Spannung und Emotionen der FuĂballsport auch mit sich bringt, haben derartige GroĂveranstaltungen mitunter auch eine Schattenseite. Dazu zĂ€hlen insbesondere Sportwetten, deren Beliebtheit rund um internationale Turniere regelmĂ€Ăig stark zunimmt. Mit steigendem Wettinteresse wĂ€chst jedoch auch das Risiko problematischen Spielverhaltens bis hin zur Wett- und GlĂŒcksspielsucht, die gerade wĂ€hrend solcher GroĂereignisse oft einen Höhepunkt erreicht.
Das unterstreicht auch der aktuelle Epidemiologiebericht Sucht 2025 der Gesundheit Ăsterreich GmbH (GĂG): Etwa vier Prozent der Bevölkerung â rund 300.000 Personen (das entspricht in etwa der Einwohnerzahl von Linz, Wels und Steyr zusammengenommen) â erfĂŒllen die Kriterien fĂŒr zumindest eine milde Form pathologischen GlĂŒcksspielverhaltens, rund ein Prozent eine schwere Form.
Beratung wÀhrend der WM
Aus diesem Grund haben sich die Mitarbeiterinnen der stĂ€dtischen Spielsuchtberatung (Dienststelle Sozialservice und Frauen) â wie bereits bei der FuĂball-EM 2024 â dazu entschieden, mit ihrem Beratungsangebot beim Public Viewing in der Welser Innenstadt öffentliche PrĂ€senz zu zeigen: Psychologin Mag. Eliane Eder-Manser und Sozialarbeiterin Doris Mayr, MA klĂ€ren am Donnerstag, 18. Juni, am Montag, 22. Juni sowie am Dienstag, 14. Juli abwechselnd am Minoritenplatz und Stadtplatz persönlich ĂŒber potenzielle Gefahren des Sportwettens auf.
Dieses zusĂ€tzlich zur Beratung im Haus geplante Angebot soll dazu dienen, FuĂballfans und deren Angehörige auf niederschwellige Weise zu sensibilisieren. Es werden Flyer verteilt und ParkbĂ€nke mit Sitzauflagen bestĂŒckt. Auch auf den Infoscreens der Stadt werden diese Infos geteilt. ErgĂ€nzend dazu treffen sich die Mitglieder der Selbsthilfegruppe âGOLOâ â kurz fĂŒr Game Over, Life On â monatlich in der DragonerstraĂe 22. Beginn ist um 19:00 Uhr. Verantwortlich dafĂŒr ist Stefan Falkner-Resch. Er ist per Mail unter ooe.golo@gmail.com erreichbar. Weiters nimmt die Spielsuchtberatung seit MĂ€rz 2022 an Aktionen der österreichweiten Initiative âSportwetten = GlĂŒcksspielâ â ausgehend von der Fachstelle GlĂŒcksspielsucht Steiermark â teil.
Die Spielsuchtberatung der Stadt Wels bietet kostenfreie, sozialarbeiterische Beratung und klinische psychologische Behandlung bei allen Arten von Spielsucht (AutomatenglĂŒcksspiel, Sportwettenproblematik etc.) und den damit verbundenen Schwierigkeiten, wie Schulden und familiĂ€re Konflikte. Auch Angehörige, die selbst nicht spielen/wetten, können sich an die Beratung wenden.
Zahlen, Daten und Fakten fĂŒr Wels
2025 berieten die Mitarbeiterinnen der Welser Spielsuchtberatung 94 Personen in 752 BeratungsgesprĂ€chen. Davon waren 89 spielsĂŒchtige Personen (55 Prozent Geldspielautomaten, 28 Prozent âinternetbezogene Problematikenâ (Online-Spiele, Chats etc.), 27 Prozent Sportwetten, 20 Prozent Roulette, 10 Prozent Poker; 3 Prozent Trading â Mehrfachnennungen möglich) sowie Angehörige. Die Betroffenen betreiben oft mehrere GlĂŒcksspielarten wechselseitig, spielen dabei live und/oder online und sind ĂŒberwiegend mĂ€nnlich. Die Angehörigen hingegen sind vorwiegend weiblich (hauptsĂ€chlich MĂŒtter, Partnerinnen und Schwestern von GlĂŒcksspielenden).
Der Altersdurchschnitt betrug 2025 37 Jahre. Die jĂŒngste Person war 15 Jahre jung, die Ă€lteste 61 Jahre. Die Betroffenen hatten im Schnitt Schulden in der Höhe von 9.500 Euro bei einer Spanne von null bis 1,8 Mio. Euro. Beratene Personen ohne Spielschulden gaben meist an, ihre Ersparnisse aufgebraucht und/oder WertgegenstĂ€nde, Immobilien und/oder GrundstĂŒcke verkauft zu haben, um ihre Spielsucht zu finanzieren. Die durchschnittlich verspielten Eigenmittel betrugen 40.000 Euro bei einer Spanne von null bis 1,5 Mio. Euro.
Erfahrungsbericht eines Betroffenen
Stefan Falkner-Resch kennt die Gefahren von Sportwetten aus eigener Erfahrung. Heute leitet er die Selbsthilfegruppe âGOLOâ (âGame Over, Life Onâ), doch sein Weg dorthin war lang. Mit 16 Jahren begann er, auf Sportereignisse zu wetten. In den folgenden 15 Jahren verlor er nicht nur sein gesamtes Einkommen, sondern verschuldete sich auch, indem er unter verschiedenen VorwĂ€nden Geld von Freunden und Verwandten lieh. Der Wendepunkt kam mit professioneller UnterstĂŒtzung durch die Spielsuchtberatung. Schritt fĂŒr Schritt gelang es ihm, seine Wettsucht zu ĂŒberwinden. Um RĂŒckfĂ€llen vorzubeugen, lieĂ er sich bei sĂ€mtlichen Online-Wettanbietern sperren und installierte auf seinem Smartphone eine Anwendung, die den Zugriff auf Casino- und Sportwettseiten blockiert.
Seinen Tagesablauf als SpielsĂŒchtiger beschreibt er folgendermaĂen: âNach der Arbeit fĂŒhrte mein Weg praktisch tĂ€glich ins Wettlokal. Dort spielte ich so lange, bis kein Bargeld mehr ĂŒbrig war. Auch auĂerhalb der Wettlokale war das Wetten stĂ€ndiger Begleiter â jede freie Minute nutzte ich fĂŒr Online-Wetten. An manchen Wochenenden wartete ich bereits vor Ăffnung des Lokals vor der TĂŒr.â
FĂŒr alle, die immer wieder Sportwetten abgeben, hat Stefan Falkner-Resch folgenden Rat: âEs ist wichtig, sich ehrlich zu fragen, ob man die Wetten wirklich braucht. Handelt es sich noch um ein Hobby oder schon um eine ernsthafte Sucht? SpĂŒrt man Unruhe, wenn man nicht spielt? Wie viel Geld investiert man tatsĂ€chlich? Im besten Fall erkennt man das Problem selbst und sucht rechtzeitig Hilfe, um aus diesem Teufelskreis auszubrechen.â
Zitat
Sozialreferentin VizebĂŒrgermeisterin Christa Raggl-MĂŒhlberger: âSpielsucht trifft selten einen Menschen allein. Gerade jetzt, kurz vor dem Anpfiff der FuĂball-WM, ist es mir wieder ein Anliegen darauf aufmerksam zu machen, dass GlĂŒcksspielsucht eine kollektive Krankheit ist: Sie zerstört Existenzen, zerreiĂt Familien und zwingt Angehörige in eine lĂ€hmende Co-AbhĂ€ngigkeit. In der Stadt Wels bieten unsere kompetenten Mitarbeiter der Spielsuchtberatung kostenlose und anonymisierte Hilfestellung fĂŒr Erkrankte und Angehörige.â
Im Bild (v.l.):
Stefan Falkner-Resch, Doris Mayr, BA (Sozialarbeiterin Spielsuchtberatung), Sozialreferentin VizebĂŒrgermeisterin Christa Raggl-MĂŒhlberger, Mag. Eliane Eder-Manser (Klinische Psychologin Spielsuchtberatung) und Mag. (FH) Bernhard Nagl (Leiter Sozialpsychisches Kompetenzzentrum).
Bildhinweise: Stadt Wels (bei Nennung Abdruck honorarfrei)